Von Erfahrungen lernen

Wir beschäftigen uns derzeit intensiv mit der Frage, wie neue Wohn- und Lebensformen für Menschen mit schweren erworbenen Hirnschädigungen aussehen können. Unser Ziel ist es, ein eigenes Projekt zu initiieren, das fachlich notwendige Unterstützung mit möglichst viel Normalität, Teilhabe und Gemeinschaft verbindet.

Dabei wollen wir nicht bei null anfangen – und vor allem nicht glauben, alles selbst neu erfinden zu müssen. Deshalb suchen wir gezielt das Gespräch mit Menschen, die über viele Jahre praktische Erfahrungen mit unterschiedlichen Wohn-, Assistenz- und Gemeinschaftsmodellen gesammelt haben. Was hat funktioniert? Wo lagen Schwierigkeiten? Welche Fehler würde man heute vermeiden? Und was lässt sich auf ein neues Projekt übertragen?

Nach unserem ersten Gespräch mit der Familie Budweg zum Thema „Gemeinsam im Leben“ war Ingo Franz von den Diakonischen Hausgemeinschaften unser zweiter Gesprächspartner. Über die Erfahrungen der Familie Budweg haben wir ausführlich in unserer Mitgliederzeitschrift dialog 32 berichtet.

Mit der Arbeit von Ingo Franz und den Diakonischen Hausgemeinschaften war ich bereits vor mehr als 20 Jahren in Berührung gekommen. Umso interessanter war es für mich, nach dieser langen Zeit zu erfahren, wie sich die damaligen Ideen weiterentwickelt haben und welche Erfahrungen aus mehr als 35 Jahren praktischer Arbeit heute daraus entstanden sind.

Im Gespräch wurde schnell deutlich, dass für Herrn Franz nicht eine bestimmte Wohnform im Mittelpunkt steht, sondern eine Haltung: Menschen mit Unterstützungsbedarf sollen nicht in einer Sonderwelt leben, sondern Teil einer vielfältigen Gemeinschaft und einer lebendigen Nachbarschaft sein. Sie sind dabei nicht nur Menschen, die Hilfe benötigen, sondern können selbst Gastgeber, Nachbarn und Mitgestalter sein.

Besonders eindrücklich war sein Gedanke der Normalität als „essenzielles Therapeutikum“ – gerade für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen. Gemeinsam kochen und essen, Nachbarn treffen, feiern, Musik erleben, gebraucht werden und etwas für andere tun: All dies gehört zum normalen Leben und kann durch professionelle Pflege und Therapie allein nicht ersetzt werden.

Gleichzeitig berichtete Herr Franz sehr offen über die Schwierigkeiten eines solchen Weges: Finanzierung, Zusammenarbeit mit Kostenträgern, Persönliches Budget, notwendige Kooperationen mit Pflegediensten und Therapeuten sowie die Bedeutung einer von Anfang an soliden wirtschaftlichen Grundlage.

Für uns war gerade diese Verbindung aus Vision und jahrzehntelanger praktischer Erfahrung besonders wertvoll.

 

Unser Weg beginnt mit Zuhören.

Die Gespräche mit der Familie Budweg und Herrn Franz sollen deshalb erst der Anfang sein. Wir möchten weitere Menschen und Initiativen kennenlernen, unterschiedliche praktische Erfahrungen zusammentragen und daraus lernen. Denn bevor wir ein eigenes Modell entwickeln, wollen wir möglichst genau wissen, was sich in der Praxis bewährt hat, wo Schwierigkeiten liegen – und welche Erfahrungen anderer wir für unseren eigenen Weg nutzen können.

Sie möchten unsere Überlegungen weiterverfolgen? Sie kennen eine interessante Initiative? Oder Sie haben selbst Erfahrungen, die für unser Vorhaben wichtig sein könnten?

Dann freuen wir uns, von Ihnen zu hören.

 
 

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Gemeinsam im Leben – von gelebter Phase F lernen

Wie können Menschen mit schweren erworbenen Hirnschädigungen nicht nur gut versorgt werden, sondern wirklich leben, teilhaben und sich weiterentwickeln?

Diese Frage beschäftigt uns auch deshalb intensiv, weil wir ein eigenes Projekt initiieren möchten. Bevor wir jedoch neue Strukturen planen, wollen wir von den Erfahrungen derjenigen lernen, die solche Wege bereits seit vielen Jahren praktisch gehen.

Unser erster Austausch führte uns deshalb zu Wolfgang und Tabea Budweg von „Gemeinsam im Leben“. Die Einrichtung in Baden-Württemberg zeigt, dass Phase F weit mehr bedeuten kann als Pflege und medizinische Versorgung.

Wolfgang Budweg brachte seine Haltung im Gespräch mit einem einfachen Satz auf den Punkt:

„Pflege ist Handwerk. Wir wollen aber Leben gestalten.“

Dazu gehören Förderung und Mobilisation ebenso wie Kommunikation, Gemeinschaft, Teilhabe und ein Alltag, der nicht von der Behinderung bestimmt wird. Besonders eindrücklich war deshalb auch die Aussage eines Bewohners, als seine Wohnform als Pflegeheim bezeichnet wurde:

„Nein, hier bin ich zu Hause.“

Genau diese Unterscheidung ist für unsere weiteren Überlegungen wichtig. Wir möchten nicht einfach eine weitere Versorgungseinrichtung schaffen. Wir wollen herausfinden, wie ein Lebensort entstehen kann, der notwendige Pflege und Fachlichkeit mit Normalität, Förderung, Gemeinschaft und echter Teilhabe verbindet.

Das Gespräch mit Wolfgang und Tabea Budweg war dafür ein wichtiger erster Baustein. Weitere Gespräche mit Menschen, die unterschiedliche Modelle entwickelt und über Jahre praktische Erfahrungen gesammelt haben, werden folgen. Wir möchten erfahren, was funktioniert, wo Schwierigkeiten liegen und welche Fehler andere bereits gemacht haben – damit wir diese Erfahrungen für die Entwicklung unseres eigenen Projekts nutzen können.

Einen ausführlichen Bericht über unser Gespräch mit Tabea und Wolfgang Budweg und die Situation der Phase F veröffentlichen wir in unserer Mitgliederzeitschrift dialog.




Baden-Württemberg setzt auf inklusives Wohnen: Förderung von Wohngemeinschaften

Porträt: Minister für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes BW: Manne Lucha
(Foto: Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg / Jan Potente)

Trotz des Bedarfs an täglicher Begleitung und Unterstützung im Alltag wünschen sich die meisten Menschen mit Behinderungen die Unabhängigkeit und die Möglichkeit, in ihrer eigenen Wohnung zu leben. Aus diesem Grund hat das Land Baden-Württemberg beschlossen, insgesamt 4,2 Millionen Euro zur Förderung von elf Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderungen und Pflegebedarf in diesem Bundesland bereitzustellen.

Die Fördermittel werden auf fünf Wohngemeinschaften für Personen mit Unterstützungs- und Versorgungsbedarf sowie sechs Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderungen verteilt. Der Sozialminister Manne Lucha unterstrich dabei, dass niemand dazu gezwungen sein sollte, in einem Wohnheim oder einer Pflegeeinrichtung zu leben.

Er betonte: „Menschen mit Behinderungen haben genauso wie alle anderen das Recht, ihren eigenen Wohnort zu wählen und darüber zu entscheiden, mit wem sie zusammenleben möchten. Durch die Erprobung neuer Formen des gemeinschaftlichen Wohnens stellen wir uns auch der Herausforderung des demografischen Wandels und fördern den sozialen Zusammenhalt in unseren Nachbarschaften, Stadtvierteln und Dörfern.“

Quelle: kobinet-nachrichten