Ein Pflaster reicht nicht

wenn Pflegepolitik die pflegenden Angehörigen aus dem Blick verliert

Pflegende Angehörige halten den überwiegenden Teil der Versorgung in Deutschland aufrecht. Doch ausgerechnet sie drohen durch die geplante Neuordnung der Pflegeversicherung zusätzlich belastet zu werden. Der SHV-FORUM GEHIRN Landesverband Baden-Württemberg bezieht deshalb klar Stellung – und gibt mit seiner Kampagne „Ein Pflaster reicht nicht.“ den Menschen eine Stimme, über die in der Pflegepolitik viel zu häufig nur in Zahlen gesprochen wird.

Die Diskussion um das Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) betrifft nicht irgendeine abstrakte Reform der Pflegeversicherung. Sie betrifft unmittelbar den Alltag von Millionen Menschen mit Pflegebedarf, Menschen mit Behinderungen und deren Familien.

Als Mitglied der LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg unterstützen wir deshalb ausdrücklich die gemeinsame Initiative von mehr als 30 Selbstvertretungs- und Selbsthilfeorganisationen in Baden-Württemberg.

Das Bündnis hat sich mit einer gemeinsamen Stellungnahme an die Landesregierung gewandt und vor den Folgen der geplanten Reformen gewarnt.

Zum Beitrag: Gemeinsam gegen Einschnitte in der Pflege

Wer Leistungen kürzt, verlagert die Pflege nicht – sondern die Verantwortung

Besonders kritisch sehen wir die Auswirkungen auf die häusliche Versorgung.

Denn wenn Unterstützungsleistungen eingeschränkt werden, verschwindet der Pflegebedarf nicht.

Wenn Entlastungsangebote wegfallen, verschwindet die Belastung nicht.

Und wenn professionelle oder niedrigschwellige Hilfen nicht mehr zur Verfügung stehen, übernimmt diese Aufgaben nicht plötzlich niemand.

Sie landen in aller Regel bei den Angehörigen.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass die gemeinsame Stellungnahme der LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg und der beteiligten Verbände die Situation pflegender Angehöriger ausdrücklich in den Mittelpunkt stellt.

Wer einen Angehörigen über Jahre versorgt, reduziert möglicherweise seine Berufstätigkeit, verzichtet auf Einkommen und berufliche Entwicklung, übernimmt Verantwortung rund um die Uhr und muss gleichzeitig versuchen, sein eigenes Leben aufrechtzuerhalten.

Eine Kürzung der sozialen Absicherung dieser Menschen wäre deshalb für uns das vollkommen falsche Signal.

Pflegende Angehörige sind kein kostenloser Ersatz für fehlende Strukturen im Pflegesystem.

Hinter jeder Zahl steht ein Mensch

Genau hier setzt unsere Kampagne „Ein Pflaster reicht nicht.“ an.

Wir wollen nicht nur über Pflege sprechen.

Wir wollen diejenigen sprechen lassen, die sie jeden Tag erleben.

Pflegende Angehörige erzählen auf unserer Kampagnenseite ihre persönlichen Geschichten: von Verantwortung und Zusammenhalt, aber auch von Überforderung, Bürokratie, fehlender Unterstützung und einem System, das viel zu häufig voraussetzt, dass Familien schon irgendwie auffangen werden, was anderswo nicht funktioniert.

Diese Geschichten sind keine Einzelfälle, die man voneinander getrennt betrachten kann.

Je mehr Menschen ihre Erfahrungen schildern, desto deutlicher wird das strukturelle Problem.

Und desto schwieriger wird es für die Politik, diese Realität zu übersehen.

Ein einzelnes Schicksal kann politisch vielleicht noch als Einzelfall abgetan werden. An vielen persönlichen Schicksalen kann auch eine Regierung nicht einfach vorbeigehen. Genau deshalb müssen wir diese Geschichten sichtbar machen.

Karl-Eugen Siegel, Vorsitzender SHV-FORUM GEHIRN e.V. Landesverband Baden-Württemberg

 

Wir wollen den politischen Druck erhöhen

Deshalb laden wir pflegende Angehörige ausdrücklich ein:

Erzählen Sie Ihre Geschichte.

Was bedeutet Pflege für Ihren Alltag?

Wo funktioniert Unterstützung – und wo lässt das System Sie allein?

Welche Belastungen entstehen durch fehlende Angebote, Bürokratie oder gesetzliche Regelungen?

Und was müsste sich ändern?

Es geht nicht darum, möglichst dramatische Geschichten zu sammeln. Es geht darum, die tatsächliche Lebenswirklichkeit sichtbar zu machen.

Denn hinter Begriffen wie „Verhinderungspflege“, „Entlastungsbetrag“ oder „häusliche Versorgung“ stehen Menschen.

Ihre Erfahrungen müssen Teil der politischen Diskussion sein.

Unsere Forderung ist klar

Eine Reform der Pflegeversicherung darf ihre finanziellen Probleme nicht dadurch lösen, dass Leistungen eingeschränkt und Belastungen auf Pflegebedürftige und ihre Angehörigen verschoben werden.

Notwendig sind verlässliche Unterstützungsstrukturen, eine Stärkung der häuslichen Versorgung und eine wirkliche Entlastung pflegender Angehöriger.

Deshalb stehen wir gemeinsam mit der LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg und den beteiligten Organisationen gegen Regelungen, die diese Ziele gefährden.

Pflege braucht mehr als kurzfristige Reparaturen.

Pflegende Angehörige brauchen mehr als Anerkennung in Sonntagsreden.

Ein Pflaster reicht nicht.

Hier zu den politischen Forderungen des SHV - FORUM GEHIRN e.V.

 

Danke für die Unterstützung

Die Kampagne „Ein Pflaster reicht nicht.“ wird im Rahmen der Selbsthilfe-Projektförderung durch die

AOK Baden-Württemberg unterstützt.

Für diese Förderung und die damit verbundene Möglichkeit, die Erfahrungen pflegender Angehöriger öffentlich sichtbar zu machen, bedanken wir uns ausdrücklich bei der AOK Baden-Württemberg.

Denn Veränderung beginnt damit, dass die Menschen gehört werden, die Pflege jeden Tag leben.